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Kleine Zeitungsgeschichten aus Witten
Neue Lokalzeitung damals offline

Mit dem SPIEGEL als Vorbild sollte 1985 in Witten auch auf lokaler Ebene der Politik und dem Kapital auf die Finger geschaut werden.

Das hat nur ein Jahr lang gehalten. Ein Kapitel lokaler Mediengeschichte hat wittendrin gleichwohl geschrieben, wenn auch nur ein kleines.








Am Anfang stand der Sackträger wittendrin
Von Walter Budziak

Es gab sie schon, Photosatzgeräte, mit denen man auf einem Monitor Texte in verschiedenen Schriftgrößen erstellen und vervielfältigen konnte. Sie waren aber noch so groß wie die Kopiergeräte vor der Unimensa und vor allem für einen Ein-Mann-Verlag unerschwinglich teuer. Der war 1985 heilfroh und stolz, als er sich einen modernen Textcomputer mit einem Bildschirm im DIN A 4-Hochformat anschaffen konnte, der erste und wahrscheinlich letzte seiner Art auf dem Markt. Mit einem Laufwerk für eine 8-Zoll-Diskette, größer als eine CD-Hülle. Für einen schier irrwitzigen Betrag von 30 000 D-Mark, heute umgerechnet 15 000 Euro. Nach damaligem Geldwert?

Die Textmaschine machte aber ihren Job, nicht zuletzt als Covergirl auf der Titelseite "Datensalat im Speicher?" [☞]
Quelle: Archiv 
. Sie war aber vor allem das technische Herz eines Willens, der kapital- und machtverwöhnten lokalen Mediendominanz (damals WAZ und RN mit ihren Lokalchefs Bruno Busche und Jürgen Disselhoff) eine kritische, fortschrittliche mediale Öffentlichkeit entgegenzusetzen.

Angeschlossen war ein Typenrad-Drucker. Damit ließen sich zwar Textseiten in verschiedenen Schriftarten erstellen, Times etwa oder Helvetica, an verschiedene Schriftgrößen war aber nicht zu denken, schon gar nicht innerhalb eines Textes. Mit etwas Geschick und viel Improvisation ließ sich trotzdem eine Zeitung wie wittendrin damit produzieren, nach heutigen Maßstäben grafisch allerdings nicht sonderlich mitreißend.

Inhaltlich wurde viel Dampf gemacht und viel Dampf abgelassen, so auch in der Titelgeschichte "Frauenfragen nicht gefragt" der letzten Ausgabe vom März 1986. Anders als heute spielten Rücksichten auf Lesezeiten beim Abfassen der Texte offenbar keine Rolle.

Eigenwerbung gehörte natürlich auch zum Mediengeschäft. Jeder sollte schließlich "den Überblick genießen" [☞]
Quelle: Archiv 
.

Auch mit den Rückseiten wurde jongliert, wie die gezeigten Beispiele erkennen lassen. Schließlich sollten neben dem zwischenzeitlich eingeführten und sogar auf der Titelseite thematisierten Kaufpreis ("nur eine müde Mark") [☞]
Quelle: Archiv 
auch Anzeigenerlöse fließen. Was ebenfalls nicht wirklich gelang. Immerhin, die Rezension unter dem Titel Wachsende Gegenwehr, von Nina Rauprich (Hrsg.), 1985, unter der nebenstehend abgebildeten Verlagswerbung [☞] ist fast erschreckend aktuell. Für die Spiegel-Bestsellerliste haben solche Inhalte aber auch schon damals nicht gereicht.

Zwar lassen auch die Titelseiten von der ersten Ausgabe mit dem "Sackträger" bis zu "Frauenfragen nicht gefragt" [☞]
Quelle: Archiv 
eine gewisse Entfaltung erkennen, gleichwohl wird deutlich: Idealismus und Engagement allein reichen nicht, wenn gravierende handwerkliche Fehler gemacht werden.

Von der gedruckten Statik zur gepixelten Dynamik

Die digitale Schwemme in den 90er Jahren floss natürlich auch in die Selbstdarstellung ein. Und es gab ziemlich schnell jede Menge Zappelkram, den man auf seine Internet-Seiten packen konnte. Wie auch dieses Homepage-Intermezzo von 1999 zeigt. Immerhin: Die automatisch aktuelle Datumsanzeige, auch so eine Can-Have-Marotte, funktioniert noch, obwohl an den Seiten seit März 2000 nichts mehr verändert wurde. Und bitte nicht mit dem Mausfinger auf eine sich grazil im Tanz Drehende zeigen!

Aufbruch in eine neue Lokalzeitungswelt

Die drei Ausgaben in Osnabrück, Konstanz und Witten sollten nur als Vorboten dienen. Als farbenfrohe 'Stadtboten' [?]"Der Hessische Landbote" (1834)von Georg Büchner (1813 - 1837) hatte darauf durchaus einen inspirierenden Einfluss. Der Schriftsteller der französischen Aufklärung ("Dantons Tod") und des deutschen Vormärz hatte mit diesem politischen Flugblatt im Herzogtum Hessen-Darmstadt zum Kampf der Landbevölkerung gegen die adelige Oberschicht aufgerufen. sollten sie mit journalistischer Vielfalt und Leserbeteiligung die Bürger mobilisieren gegen die ergraute lokale Zeitungsaristokratie der NOZ in Osnabrück, des Südkuriers in Konstanz, der WAZ und der RN in Witten. Die Idee: Im Internet verfügbare, progressiv-relevante Inhalte sammeln, strukturieren, journalistisch kommentiert ordnen und mit eigenen lokalbezogenen Nachrichten und Reportagen abrunden. Weitere StattBlatt-Ausgaben sollten folgen. Für Witten stand und steht der Abschnitt über die neugestaltete Fußgängerzone in der Bahnhofstraße als Musterbeispiel einer verkorksten Stadtgestaltung, ist die "durch Licht inszenierte und modernisierte Straßenbahn" von Anfang an doch eher ein Witz. "Etwas landesweit Neues" sei geschaffen worden, hatte Ilse Brusis, NRW-Ministerin für Stadtentwicklung, bei einer feierlichen Einweihung im November 1999 frohlockt.

Die Konstruktion der Seitenhierarchie konnte sich klicken lassen, die grafischen Oberflächen kommen heute nicht mehr so sexy daher. Obwohl, wenn man das Browserfenster auf die Hälfte heutiger Bildschirmbreiten zusammenschiebt ... [?]Anm. d. Autors1999
waren die Monitore in der Regel noch so klein oder größere so teuer, dass kein Online-Designer auf die Idee gekommen wäre, Publikums-Webseiten in schmaleren Formaten zu konzipieren.

Auch funktionieren viele Links nicht mehr. Allein rechtlich stieße heute vieles an Grenzen, weil externe Inhalte nicht in eigene Seitenstrukturen integriert werden dürfen, schon gar nicht kommerziell, 1998/99 noch juristisches Neuland. Dennoch macht ein Stöbern so manches sichtbar. Die Pläne und Möglichkeiten zum Beispiel, die sich vor nicht einmal zwanzig Jahren erstmals boten. Vom Unterhaltungswert einmal ganz abgesehen. Allein die immer wieder eingestreuten technischen Hinweise und Anweisungen lassen jede Internetgemeinde heute schmunzeln. Wie auch die inzwischen fast schon naiv anmutenden animierten Logos und Buttons. Die meisten davon in "Handarbeit" zusammengepixelt.

Bei den Kleinanzeigen müsste Stattblatt ONLINE heute allein nutzungstechnisch mit sämtlichen Scout-Plattformen mithalten. Selbst unter einer trendigen Lokalmarke erfolgreich wahrscheinlich nicht machbar. Journalistisch und redaktionell haben beide Titel, wittendrin wie Stattblatt ONLINE, der eine vor 30, der andere vor 17 Jahren, aber die Zukunft einer Zeitung im Allgemeinen und einer Lokalzeitung im Besonderen vorweggenommen. Nach der Devise, die zur Verfügung stehenden, sozialisierend wirkenden technischen Neuerungen nutzen und Nachrichten, Reportagen, Kommentare schneller, spannender, engagierter aufbereiten, in die neuen Schläuche auch neue, ehrlichere, gehaltvollere Weine füllen. Gepaart mit Kompetenz und Empathie. Nach althergebrachtem Schema mit einer elitär-scheinobjektiven Wiedergabe dessen, was aktuell geschieht, frei nach dem DDR-Motto 'Was wir nicht schreiben, brauchen Sie nicht zu wissen' [?]Original"Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht" (überlieferte Außenwerbung eines Konsum-Geschäfts in Werneuchen, Stadtteil Hirschfelde, in der ehemaligen DDR und Buchtitel des Autors und TV-Moderators Dieter Moor), lassen sich immer weniger Leser abspeisen.

Die eine goldene Regel für eine Zeitung der Zukunft kennt vermutlich keiner. Die roten Zahlen vieler Zeitungsverlage in der Vergangenheit kennt dagegen vermutlich jeder. Jedenfalls sind den wegen ihrer vorherrschenden Einseitigkeit und Langweiligkeit Kritisierten von damals auch in Witten in nur 17 Jahren etliche Zacken aus den Kronen gebrochen.

Zahlen werden für Witten nicht veröffentlicht. Insgesamt hat sich die verkaufte Auflage aller von der Funke Mediengruppe Essen herausgegebenen Tageszeitungen, zu denen auch die WAZ gehört, seit 1999 halbiert [?]Verkaufte AuflagenWestdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ)
gesamt einschl. aller in der Funke Mediengruppe Essen herausgegebenen Tageszeitungen
4. Quartal 1999: 1,13 Mio.
4. Quartal 2015: 0,58 Mio.
1. Quartal 2016: 0,57 Mio.

Ruhr Nachrichten (RN)
Verlag Lensing-Wolff, Dortmund
2. Quartal 1999: 0,20 Mio.
(letzte verfügbare Zahl)

Quelle: IVW
. Ein gegenteiliger Trend ist bei einzelnen Lokalausgaben nicht zu erwarten. Die RN hat die lokalredaktionelle Bildfläche in Witten am 31. Oktober 2014 gleich ganz geräumt. Der ehemalige RN-Reporter Christian Lukas hat einen Nachruf verfasst, in dem er anschaulich auf die Ursachen und Folgen dieses vorhersehbaren und vermeidbaren Ereignisses eingeht.

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