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Altes Rathaus ca. 1918, rote Fahne: "schier unfassbar" - Foto: Carl Vogel, Repro: J. Fruck, Quelle: Stadtarchiv Witten

Die 1968er-Studentenbewegung liefert nicht den einzigen Anlass, 2018 ist ein Schwergewicht unter den Jährungen, die an Geschehnisse erinnern, die - mittelbar oder unmittelbar - auch in Witten stattfanden. 1618, vor 400 Jahren, begann der Dreißigjährige Krieg, Tod und Not bringend auch in der Grafschaft Mark, zu der die Herrschaft Witten damals gehörte. Vor 80 Jahren, 1938, begann mit der NS-Pogromnacht und dem Brand der Synagoge an der Ecke Kurze/Breite Straße [?]heute Ecke Synagogenstraße / Breite Straße auch in Witten das wohl dunkelste Kapitel Stadtgeschichte. Zeitlich dazwischen fällt 1918, das Ende des Kaiserreichs und der Aufbruch in die Weimarer Republik. Auf dem Rathaus wehte die rote Fahne der Revolution [?]Die abgebildete Postkarte ist allerdings älter. Ein Zeitgenosse hat die Deutschlandfahne auf dem Rathaus kurzerhand rot übermalt..

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Von der Revolution überrumpelt

Von Walter Budziak, 10.9.2018

„Haltet Ruhe und Ordnung“, lautete die Überschrift eines Aufrufs an die Bevölkerung, den ein wenige Stunden vorher zusammengestellter Arbeiter- und Soldatenrat gemeinsam mit Oberbürgermeister und Magistrat am 9. November 1918 verbreiten ließ. Zuvor war, angestoßen von Mitgliedern der Soldatenräte in Bochum und Dortmund und umrahmt von den Klängen der zwangsweise herbeibeorderten Städtischen Kapelle, gegen 11 Uhr an diesem Samstagvormittag eine teils neugierige, teils auch zu Aktionen bereite Menge durch die Haupt- und Bahnhofstraße zum Gerichtsgefängnis gezogen. Um die Ohnmacht der bisherigen Obrigkeit zu demonstrieren, wurde die Freilassung aller Gefangenen erzwungen.

Deutsche Republik „zwischen Suppe und Nachspeise“

Der Aufruhr gegen die öffentliche Ordnung drohte offenbar zu eskalieren. Die Wittener SPD reagierte sofort und wählte im Borgmannschen Saale an der Ruhrstraße gegen 16 Uhr aus ihren Reihen und einigen Soldaten den Arbeiter- und Soldatenrat. Im fernen Berlin war der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann während seines Mittagessens im Speisesaal des Reichstagsgebäudes kurz nach 14 Uhr „zwischen Suppe und Nachspeise“ auf einen der Westbalkone getreten und hatte die Deutsche Republik ausgerufen (aus: Wikipedia). Den Vorsitz des Arbeiter- und Soldatenrats in Witten übernahm zunächst der Genosse Schwarz. Eine 50 Mann starke, mit Stempel auf weißen Armbinden ausgestattete Truppe sollte für Ordnung sorgen.

Nachbarschaft zur Stadtverwaltung

Sein „Regierungsgebäude“ (Wittener Volkszeitung) verlegte der Arbeiter- und Soldatenrat gegen 19 Uhr in das Restaurant Ludwig am Markt in unmittelbarer Nachbarschaft zur Stadtverwaltung im alten Rathaus. Auch OB Laue durfte unter der Kontrolle des Arbeiter- und Soldatenrats weiter seinen Amtsgeschäften nachgehen. Die Kontrolle des Magistrats durch den Arbeiter- und Soldatenrat wurde wenige Tage später durch eine Verfügung des preußischen Innenministers bestätigt.

Gegen neue Machtverhältnisse

Erste Konflikte entstanden, als ein Vertreter des Arbeiter- und Soldatenrats an der Stadtverordnetenversammlung teilnehmen wollte. Deren Vorsitzender, Justizrat Fautsch, versuchte, ihn auszuschließen. Der Versuch scheiterte am Widerstand des Magistrats, machte aber die Brisanz der Lage im November 1918 deutlich. Teile der Bevölkerung lehnten die neuen Machtverhältnisse ab und wurden seitens der Lokalpresse, das nationalliberale Wittener Tageblatt (WT) und die der Zentrumspartei [?]… stand der Novemberrevolution von 1918 insgesamt ablehnend gegenüber und stellte sich nur widerwillig auf den „Boden der gegebenen Tatsachen“. Letztlich unterstützte sie aber trotz innerparteilicher Konflikte die am 9. November von Philipp Scheidemann ausgerufene Republik und nahm Kontakte zu den früheren Partnern des Interfraktionellen Ausschusses auf. (aus: Wikipedia) nahestehende Wittener Volkszeitung (WVZ), bestärkt.

Rote Fahne als Zeichen einer neuen Zeit

Widerspruch weckte die rote Fahne, die jetzt als Zeichen einer neuen Zeit auf dem Dach des Rathauses wehte. Und weiter: "Mit erklärlichem Ingrimm" habe man zusehen müssen, dass Soldaten, "die jahrelang an der Front unser Vaterland verteidigt haben, sich von jungen Leuten alles nehmen ließen und lassen mußten, was sie zum Soldaten stempelt", empörte sich die WVZ am 11.11.1918. Bereits am Morgen des 9. November waren Uniformierten öffentlich ihre Waffen und militärischen Abzeichen entrissen worden. „Wie das alles im Handumdrehen so kommen konnte“, fragt sich die WVZ abschließend, „ist schier unfaßbar“. Unterschiedliche Reaktionen auf die „Zeichen der neuen Zeit“ zeigt auch ein Blick in die benachbarten Gemeinden Annen und Bommern, beide damals vor der Eingemeindung am 1. August 1929 noch eigenständig.

Triumph "der geistigen Revolution"

Erst zwei Tage später als in Witten, am 11. November, stellten elf Zivilisten, die meisten von der SPD, und drei Soldaten einen Arbeiter- und Soldatenrat auf die Beine, übernahmen „in Gemeinschaft mit der bisherigen Verwaltung und Polizei“ Amt und Gemeinde Annen, hissten rote Fahnen am Amtshaus, am Bahnhof sowie an der Post. Ihre Botschaft, „die geistige Revolution“ sei da, sollte wohl gewaltsame Aktionen wie die in Witten vermeiden helfen. Konflikte mit den Gemeindeverordneten wurden ebenfalls nicht bekannt.

In Bommern wegen Kirchengebet „ernstlich vermahnt“

Revolutionär mehr auf Zack waren dagegen die Bommeraner, jedenfalls der den Sozialdemokraten nahestehende Teil der Bevölkerung. Neben einem Arbeiter- und Soldatenrat unter dem Vorsitz des Sozialdemokraten Neveling bildeten sie auch am 9. November einen dreiköpfigen Bauernrat. Nachdem das Reich militärisch und politisch zusammengebrochen war und Kaiser Wilhelms II. abgedankt und sich nach Holland abgesetzt hatte, schienen die der SPD weniger zugeneigten Bommeraner zunächst politisch heimat- und ratlos. Entgegen einem Beschluss der übergeordneten Kreissynode Hattingen schloss Pastor Philipps bei den evangelischen Gottesdiensten am 10. November den Kaiser weiter in das allgemeine Kirchengebet ein und wurde tags darauf vom Arbeiter- und Soldatenrat „ernstlich vermahnt“.

Vermutungen unlauterer Machenschaften

Nicht wenige Wittener dürften sich von den Ereignissen am 9. November 1918 überrumpelt gefühlt haben. Zu krass war offenbar die Diskrepanz zu den noch kurz davor verbreiteten Siegesparolen. So machten auch Vermutungen die Runde, unlautere Machenschaften hätten diesen Umbruch herbeigeführt. Während die Befürworter mehr dem SPD-Lager nahestanden, konnten sich große Teile des bürgerlichen Lagers nicht mit den neuen Gegebenheiten anfreunden. Anderen wiederum gingen die revolutionären Veränderungen nicht weit genug. Sie kehrten der SPD den Rücken und gingen zur USPD. Die tagespolitisch entscheidenden Auswirkungen der Ereignisse vom 9. November vor 100 Jahren wurden in Witten allerdings erst einige Monate später im März 1919 wirklich erkennbar.

Anm.: Alle wesentlichen Inhalte des Textes sind Auszüge und Zitate aus: Heinrich Schoppmeyer, Witten – Geschichte von Dorf, Stadt und Vororten, Verein für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark (Witten), Bd. 2, 2012

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