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Studierende der UW/H, Rheinufer in Düsseldorf, 2008: „Diese Uni darf nicht baden gehen.“ - Foto: UW/H

Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) war noch lange nicht gegründet, Schüler holten vor 50 Jahren die 68er-Studentenproteste nach Witten, mit einem Boykott. Der Widerstand formierte sich gegen höhere Fahrpreise der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG (BoGeStra). Wittener Studenten zogen auch noch auf die sprichwörtlichen Barrikaden, vier Jahrzehnte später - in Düsseldorf.

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Fortsetzung Titel ...

Auf den Schulhöfen "radikale und besonnene Flügel"

Von Walter Budziak, 18.1.2018

"Protest ohne Tomaten" titelte die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) am 14. Februar 1968 in ihrem Wittener Lokalteil. Berichtet wurde über eine Gruppe von Schülern, die erhöhten Fahrpreisen der BoGeStra, dem Zeitgeist folgend, den Kampf ansagen wollten.

"Angeregt durch die Demonstrationsmärsche der Bochumer Schüler und Studenten", schrieb die WAZ, "besannen sich auch Wittens Oberschüler darauf, daß die durchgeführte Preiserhöhung für Schülerkarten nicht zu vertreten sei". Darin waren sich offenbar die meisten Schüler einig. Gestritten wurde dagegen über die Art und Weise, wie der Protest zum Ausdruck gebracht werden sollte.

Schüler "schockiert, wie sich die Studenten verhielten"

So formierten sich auf den Schulhöfen "radikale und besonnene Flügel", schrieb die WAZ weiter. Allen voran die Oberstufenschüler plädierten demnach dafür, Vertretern des Stadtrats mit Tomaten und dem "Saft fauler Apfelsinen" klarzumachen, was sie von den höheren Fahrpreisen hielten. Eine Mehrheit in einer SMV-Versammlung [?]Schülermitverwaltung (SMV)Organ der institutionalisierten Schülervertretung, die über Belange des Schullebens mitbestimmt. war jedoch der Ansicht, "auf der 'weichen Welle' besser und erfolgreicher" zum Ziel zu kommen. "Wir hatten vor einigen Wochen an den Bochumer Demonstrationen teilgenommen und waren schockiert (...), wie sich die Studenten verhielten", zitierte die WAZ den damaligen Schulsprecher des Städtischen Gymnasiums, Reinhard Münch.

"Rote Flugblätter"

Boykott statt Parolen lautete die Devise. "Rund 1 000 Handzettel" seien auf den Schulhöfen verteilt worden. Eine Woche lang sollten möglichst viele Schüler laufen oder radfahren. Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren, sollten Mitschüler, die ebenfalls außerhalb wohnen, mitnehmen.

Umgehend meldeten sich Vertreter des Betriebsrats der BoGeStra und der Gewerkschaft ÖTV [?]Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV)Mitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) mit Sitz in Stuttgart. Mitglieder werden seit 2001 von der Vereinten Dienstleistungs- gewerkschaft (verdi) gewerkschaftlich mitvertreten. zu Wort und verteilten "rote Flugblätter", so die WAZ. Nicht die Beschäftigten der BoGeStra seien Schuld an den erhöhten Fahrpreisen, der Gesetzgeber habe diese Maßnahme veranlasst, stellten die Funktionäre laut WAZ-Bericht klar.

"Runder Tisch" im Sitzungssaal I des Rathauses

So sollten sie sich am Folgetag, einem Donnerstag, an einem "runden Tisch" im Sitzungssaal I des Rathauses zusammensetzen: Reinhard Münch, Stellvertreter Ekkehard Otto, Dagmar Brockmeier, Schulsprecherin der Schillerschule, und Stellvertreterin Hiltrud Kirschhöfer als Vertreter der Schülerschaft der Gymnasien sowie als Vertreter der Stadt Stadtdirektor Schäfer, Stadtdezernent Dr. Darmstadt und Stadtkämmerer Stemmermann. Oberstudienrat Kreuger vom Martmöllergymnasium, gleichzeitig Stadtrat, und Studienrat Kleinhaus, Verbindungslehrer am Städtischen Gymnasium, sollten vermittelnd teilnehmen, berichtete die WAZ.

Grund für höhere Fahrpreise nicht feststellbar

Ob auch ein Vertreter der BoGeStra mit am Tisch sitzen würde, stand bei Redaktionsschluss damals noch nicht fest. Und damit auch nicht, ob eine der wichtigsten Fragen der Schüler beantwortet werden konnte. Die Verkehrsgesellschaft hatte vorab offenbar Rationalisierungsmaßnahmen als Grund für höhere Fahrpreise angegeben. Die in Witten aber nicht umgesetzt wurden, wie die Schüler feststellten. Anders als in anderen Städten waren Fahrkartenautomaten demnach in Witten nicht aufgestellt worden.

Erster Pluspunkt an die Jugend

Auch die Stadt stand im Feuer des Protestes. Sie müsse der Verkehrsgesellschaft "unter die Arme greifen", so laut WAZ die Meinung der Schülervertreter. Die Schulen seien "eine Einrichtung der Stadt", somit habe die Stadt auch eine Verpflichtung gegenüber den Schülern.

Inwieweit sich die Vertreter der Stadt darauf einließen, schließt der Autor seinen Artikel mit einem Schuss Optimismus, bleibe abzuwarten. Das Gespräch bewertet Tk als ersten Schritt "für ein künftiges Einverständnis zwischen der Jugend und der älteren Generation". "Im Kampf zur Erreichung dieses Zieles", so sein Fazit, "geht der erste Pluspunkt zweifellos an die Jugend, die sich nicht für lautstarken Protest, sondern für die vernünftige Diskussion entschieden hat."

Studenten hinter den Kulissen der Polizeiarbeit

Potestierende Studenten zogen vor 50 Jahren nicht durch Witten, ein Gesprächsthema waren die studentischen Proteste in Bochum und vielen anderen Städten in Deutschland und Europa dennoch. "Demonstrationen sollen Bürger wachrütteln", lautete die Titelzeile eines zweiten Artikels in der WAZ vom selben Tag auf der selben Seite. Gemeint waren Meinungen von Schülern zu der Frage: "Demonstrieren Studenten gegen alles?"

Eingeladen hatte die Industrie-Gewerkschaft Metall (IG-Metall) ins Gewerkschaftshaus an der Steinhauser Straße. "Die Jugendlichen sprachen sich allgemein für Studenten-Demonstrationen aus", konnte man weiter lesen, "um dadurch die Bevölkerung zum Nachdenken anzuregen". Wichtig sei den Schülern ein "berechtigter Grund" für Demonstrationen gewesen, Demonstrationen "nur um des lautstarken Protestes willen" wurden abgelehnt.

Besichtigungen von Funkstreifenwagen

Neu war diese Erkenntnis dem Bericht zufolge nicht. Bereits im Sommer das Vorjahres hatte der Bochumer Polizeipräsident, Graf von Hardenberg, Studenten der Ruhr-Universität auf einer Podiumsdiskussion angeboten, einmal hinter die Kulissen der Polizeiarbeit zu schauen. Polizeigewerkschaft und Deutscher Beamtenbund hatten diesen Vorschlag offenbar begrüßt, in der zweiten Februarwoche 1968 trafen sich "zwanzig Studenten und sechs Polizeibeamte des Polizeibezirks Bochum im Polizeipräsidium", so die WAZ am 14. Februar weiter, um "aktuelle Fragen wie die jüngsten Bochumer Studenten-Demonstrationen" zu diskutieren.

Von beiden Seiten gelobt wurde demnach, "daß sich Polizeipräsident Graf von Hardenberg und Schutzpolizeidirektor Otto während der Demonstrationen persönlich engagierten." Nach den Semesterferien sollten weitere Gespräche im Polizeipräsidium stattfinden, war zu lesen, "darüber hinaus sind Besichtigungen von Funkstreifenwagen, der Bereitschaftspolizeiabteilung und anderer Einrichtungen geplant."

Mit Resolution und Badesachen zur Protestdemo

„Diese Uni darf nicht baden gehen“, schrieben Studierende der UW/H vier Jahrzehnte später am 18. Dezember 2008 auf ein Plakat, bereit, am Parlamentsufer vor dem nordrhein-westfälischen Landtag in Düsseldorf "ins eiskalte Rheinwasser" zu springen, wie die Ruhrnachrichten noch am selben Tag in ihrer Online-Ausgabe ("Uni Witten/Herdecke kämpft ums Überleben") berichtete, offenbar sich selbst nicht sicher, ob 200 oder 250 Studenten aus Witten an der Demonstration teilnahmen. Das Protestbaden fand dann doch nicht statt, die Polizei ging dazwischen. Einer bundesweiten Medienresonanz tat das aber keinen Abbruch.

"Studenten demonstrieren für Uni Witten-Herdecke" (Westdeutsche Zeitung, 18.12.2008), "Studenten protestieren vor NRW-Landtag" (Frankfurter Rundschau, 18.12.2008), "Misswirtschaft und fehlende Mittel" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.12.2008), "Privatuniversität vor der Pleite" (Tagesspiegel, 19.12.2008), "NRW stoppt Finanzhilfe für Uni Witten-Herdecke" (Anthroposophie, 19.12.2008), "Universität Witten/Herdecke: Rettung in letzter Sekunde" (Ärzteblatt, 16.1.2009), "Ein Leben am Limit" (Zeit Online, 30.1.2009) oder "Pleite-Uni gerettet" (Süddeutsche Zeitung, 17.5.2010) lauteten einige aktuelle und nachgezogene Schlagzeilen.

Geldhahn zugedreht

Der Studentenprotest in der Landeshauptstadt galt der nordrhein-westfälischen Landesregierung. Sie hatte der UW/H den Geldhahn zugedreht. Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) verweigerte die Auszahlung der für das Jahr 2008 eingeplanten Landesmittel. Der UW/H fehlten somit 4,5 Mio. Euro in ihrem Etat plus 3 Mio. Euro, die sie an das Land zurückzahlen sollte. Dies und das Abspringen eines Hauptsponsors, der Düsseldorfer Beratungsgesellschaft Droege International Group AG, bereits im vorangegangenen August löste den finanziellen Notalarm aus.

Die UW/H erfülle die rechtlichen Voraussetzungen für die Gewährung von Landeszuwendungen nicht mehr, zitierte die Tageszeitung (TAZ) den Wissenschaftsminister, der seine Entscheidung am Vortag in einer Stellungnahme begründet hatte. Trotz wiederholter Aufforderung sei keine ordnungsgemäße Geschäftsführung nachgewiesen und weder für 2009 noch für die darauffolgenden beiden Jahre ein verlässlicher Wirtschaftsplan vorgelegt worden, berichtete die TAZ. Die Rückforderung der drei Mio. Euro resultiere aus 2007 ursprünglich nicht veranschlagten Mehreinnahmen.

60 Prozent mehr Studiengebühren

Nach eigener Aussage nicht nachvollziehen konnte der damalige Präsident der UW/H die Vorwürfe der Landesregierung, wie die RN meldete. Gleichwohl trat Prof. Birger Priddat "mit sofortiger Wirkung" zurück. Um neue Wege einer Beziehung zur Landesregierung zu ermöglichen und Schaden von der Universität abzuwenden, wie es sinngemäß hieß. Den Aufmarsch der Studierenden in Düsseldorf dürfte dieser Schritt allerdings befeuert haben. Außer ihren Badesachen brachten sie auch eine Resolution der damals knapp 1 200 UW/H-Studis mit. Darin erklärten sie sich auch bereit, bis zu 60 Prozent mehr Studiengebühren zu bezahlen, wie die RN schrieb. Ein Studium kostete damals nach Zeitungsberichten zwischen 9 600 Euro (Philosophie) und 45 000 Euro (Zahnmedizin).

Minister Pinkwart lud vier der vor dem Parlament protestierenden Studenten zum Gespräch und bot im Fall einer Schließung der Uni "unbürokratische Hilfe" an, um die Studenten an anderen Hochschulen unterzubringen, berichtete die RN. Den Ausschlag für die später geglückte Rettung gaben aber andere Faktoren.

Positive Pressemitteilung

Eine ihrer Stärken sei der UW/H niemals verloren gegangen, schrieb die Zeit im darauffolgenden Januar, "die Treue ihrer Studenten." Und weiter: "Sie haben sich aus Protest ausgezogen, Unterstützerseiten im Internet geschaltet und offene Briefe verfasst. Die Ehemaligen haben Gesellschafteranteile von fast einer Million Euro aufgekauft, um den Einfluss der Unternehmer zu schmälern und den Wittener Geist doch noch zu retten. (...) In Witten kommt es schon mal vor, dass ein Vorstand der Studierendengesellschaft die Grundsätze der Universität feierlich zitiert, um anschließend zu versichern, dass man dafür auch mehr Studiengebühren zahlen werde, wenn nötig doppelt so viel wie bislang." So konnte der damalige Uni-Sprecher Ralf Hermersdorfer Anfang Januar "zur Abwechslung wieder eine positive Pressemitteilung formulieren", wie weiter zu lesen war. Die Gründerwerkstatt, ein Kind der UW/H, hatte für das innovative Konzept den Ideenwettbewerb des Bundeswirtschaftsministeriums gewonnen.

Friedliches studentisches Blumenblühen

Zurück nach Witten im Jahr 1968: eigentlich studentisches Niemandsland. Wenn die Lokalzeitungen nichts verpasst haben, blieb die Stadt friedlich und auch von weiteren Schülerprotesten verschont. Bis die WAZ am 22. Juni Studenten plötzlich eine Schlagzeile widmete. Blütenprächtig hatten sie sich in Witten schon seit Wochen ausgebreitet. "40 000 Studentenblumen schmücken Stadt zwischen den Universitäten", lautete die Nachricht. Aufgezogen in der Stadtgärtnerei auf dem Hohenstein waren sie überall eingepflanzt worden, in öffentlichen Parks, in Stadtgärten, auf Friedhöfen "und an manchen anderen Plätzen in der Stadt". Vermutlich steckte die Pressestelle der Stadt hinter diesem Sensationsbericht. "Nicht vergessen werden sollen die 80 größeren und kleineren Kübel und Schalen, die überall im Stadtgebiet bunte Akzente setzen, so wie die Blumenkästen vor den Fenstern des Rathaussitzungssaals", verbreitete die WAZ die Kunde vom friedlichen studentischen Blumenblühen beflissen weiter.

Gewisser Hang zu halluzinogenen Wirkungen

Die Herkunft des Namens liegt im dunkeln. Vermutungen machen die Runde. Tagetes, so die botanische Bezeichnung, leite sich von Tages (gen.: Tagetis), dem etruskischen Halbgott ab, der den Menschen gelehrt habe, Wasser in kargen Gebieten zu finden. Ob das nicht "eine vornehme Aufgabe" für einen Studenten sei, wird gefragt. Gemutmaßt wird auch, dass es mit der ursprünglichen Bedeutung des lateinischen Wortes "studere" ("etwas eifrig betreiben") zusammenhängen könnte, weil die Blume "bekanntermaßen unglaublich blühfreudig" sei. "Es könnte aber auch etwas mit den halluzinogenen Wirkungen des Pflanzenkrauts zu tun haben", so eine andere Spekulation, "denn Studenten wird da ja ein gewisser Hang nachgesagt."

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