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Friesenplatz ohne Altglas- und Altpapier-Container: "Handlungsanweisung" befolgt - Foto: wab


"Entspannende Sommerabende am ansonsten parkähnlichen Platz mit uraltem Eichen-, Pappel- und Ahornbestand", schrieb der Autor im August 2018 in diesem Magazin, "dürften, ohne die stählernen Containerhaufen auszublenden, kaum gelingen." In diesen Tagen wurden sie weggeschafft, die hässlichen Stahlklötze, und der kleine Platz kann seinen parkähnlichen Charme wieder offen durchblicken lassen. Das Beispiel zeigt: Bei gutem Willen lassen sich mit wenig Aufwand große Besserungen erreichen. Wie nötig ähnliche Maßnahmen an vielen anderen Stellen in Witten wären, zeigen die mauen Ergebnisse der Januarumfrage 2020 nicht nur beim Thema Attraktivität der Innenstadt. Aber immerhin, alle Noten fielen besser aus als 2019.
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Text und Fotos (5): Walter Budziak, 4.2.2020

Die Reststoff-Container am Friesenplatz [?]AnmerkungDie Bezeichnung wird umgangssprachlich verwendet. Laut offiziellem Stadtplan teilt sich die Friesenstraße kurz nach Abzweig von der Sundernstraße und umrahmt eine rechteckige Grünfläche, bevor sie schräg gegenüber vor dem Aufgang zum Tennisplatz wieder zusammenläuft. Bis in die 1970er Jahre stand an dem Platz auch ein bei den Anwohnern sehr beliebter Kiosk. böten, schrieb der Autor 2018 weiter, "weit weniger verschandelnde Anblickfläche, wenn sie wenigstens anwohnerfreundlicher aufgestellt würden." An der Westseite des Platzes entlang der Sundernstraße stünden sie nicht mehr frontal zu einer gegenüberliegenden Wohnbebauung, so die Begründung, die Bewohner der umliegenden Häuser könnten seitlich an ihnen vorbeischauen.

Freier Blick auf den Platz

Die "Handlungsanweisung" wurde offensichtlich befolgt. Die Reststoff-Container stehen jetzt wesentlich entrückter auf dem schmalen Grünstreifen vor dem gemauerten Abstützung zwischen der westlichen Schmalseite des Friesenplatzes und der höher verlaufenden Sundernstraße. Die Anwohner haben wieder freien Blick auf den Platz vor ihrer Haustür, Nutzer können selbst mit großen Mengen Altglas oder Altpapier vorfahren, ohne durchfahrende Fahrzeuge zu behindern, ebenso die Lkw, wenn sie die Container entleeren.

Um eine Erläuterung gebeten, auf wessen Initiative die Standortverlagerung erfolgte, ob sie eine Einzelmaßnahme war oder Teil einer großräumigeren Strategie zur Verschönerung des Stadtbilds und Verbesserung der städtischen Betriebsabläufe, lässt der entsorgungsunternehmerisch zuständige AHE-Geschäftsführer Johannes Einig seine Assistentin Ceylan Yürekli mitteilen, dass "weder Herr Einig noch ein anderer Vertreter der AHE" dafür zur Verfügung steht.

Großräumige Strategie vermutlich dringend angebracht

Bereits mehrere andere Container-Standorte seien bereits neu angelegt, einige davon auch gepflastert und eingezäunt worden, um die Nutzbarkeit zu verbessern und eine oft beklagte begleitende Vermüllung der Standorte einzudämmen, sagt der städtische Betriebsamtsleiter Hans-Georg Rentrop. "Wir wollen da dran, die Standplätze mittel- und langfristig auf bessere Füße zu stellen", beschreibt Rentrop das Ziel, "das Standplatzbild insgesamt optisch und funktional" aufzuwerten. Die Standplatzverlagerung an der Friesenstraße wurde von außen veranlasst. Aus der Bommeraner Bürgerschaft sei der Wunsch an die Stadt herangetragen worden, die hätte dann ihrerseits "relativ schnell" die Entsorgungsfirma AHE mit der Ausführung beauftragt, erläutert Rentrop diesen konkreten Einzelfall.

Eine großräumige Strategie zur Verschönerung des Stadtbilds und Verbesserung der städtischen Betriebsabläufe, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu stimulieren, wäre vermutlich auch auf anderen Gebieten dringend angebracht, wenn man das sicher nicht repräsentative Stimmungsbild der Januarumfrage 2020 betrachtet, wie Wittener grundlegende Bereiche wie den öffentlichen Finanzhaushalt, die Attraktivität der Innenstadt oder Perspektiven im Städtevergleich bewerten: auf der Skala von 1 (sehr schlecht) bis 10 (sehr gut) mit Ausnahme von "Wohn- und Lebensqualität" (6,5) durchweg in der unteren Hälfte, wenngleich bei allen abgefragten Kriterien besser als bei der Januarumfrage vor einem Jahr [?]DatenbasisMit 167 Antworten (86 Prozent mehr als 2019) liegt das Ergebnis der Umfrage über einem Wert, anhand dessen sich nach wissenschaftlichen Erkenntnissen qualitative statistische Aussagen ableiten lassen. Für eine wissenschaftlich begleitete Kulturstudie in Osnabrück mit rd. 160 000 Einwohnern (Wer nutzt welche Angebote, wann und warum?) in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt genügten dem Statistiker Prof. Dr. Reiner Niketta an der Universität Osnabrück 1995 70 Antworten für aussagefähige Ergebnisse..

An der Umfrage beteiligt haben sich 167 Wittener, 77 (86 Prozent) mehr als 2019. 79 Prozent derer, die entsprechende Angaben gemacht haben, gehören zur Altersgruppe der 30- bis 60-Jährigen, 62 Prozent der Teilnehmer mit entsprechender Angabe sind männlich, in Witten geboren sind 69 Prozent der Teilnehmer mit angegebenem Einwohnerstatus. Auf der "überaus dünnen Basis von 167 Antworten" sei es fraglich, welche Aussagekraft das Stimmungsbild habe und ob daraus relevante Schlüsse zu ziehen sind", lässt Stadtpressesprecher Helmut Sonder wissen.

Ansiedelung von IT-Unternehmen und mehr Orte für Jugendliche

"Beleben der Bahnhofstraße mit inhabergeführten Geschäften, ÖPNV verbessern, Klimafragen bewegen", Grundsteuer senken, ein klares Verkehrskonzept erstellen, "um das Chaos endlich in den Griff zu bekommen", dies und anderes nennen Umfrageteilnehmer als die "dringendsten Probleme, die 2020 gelöst bzw. angepackt werden sollten". Auch dürfe es "nicht wie in der Vergangenheit" dazu kommen, dass mehrere Baustellen gleichzeitig die Innenstadt lahmlegten. Das führe nur dazu, dass "enorme Umwege" gefahren werden müssten. Desweiteren steht ein Glasfaserausbau ebenso auf der Wunschliste wie "eine Abwahl von SPD und Leidemann, mehr Transparenz von Verwaltung und Stadtrat, Ansiedelung von IT-Unternehmen sowie mehr Orte für Jugendliche".

Andere sehen im sozialen Bereich großen Handlungsbedarf. So sollten die Wohnungslosenunterkunft am Mühlengraben geschlossen, betroffene Menschen besser betreut und mehr bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden. Auf mehr Mittel für den Straßenbau zielen weitere Vorschläge, verbunden mit dem Anliegen, "die Innenstadt wieder attraktiv gestalten, wie es einmal war".

Verkehrskonzept "unmittelbar vor vorausgesagtem Kollaps"

Einzeln um eine Einschätzung der aktuellen Wittener Verhältnisse angefragt wurden neben der Bürgermeisterin und Dezernenten der Stadtverwaltung auch die Sprecher aller im Stadtrat vertretenen Parteien und politischen Gruppierungen. Geantwortet hat Siegmut Brömmelsiek, Vorsitzender der zweiköpfigen Fraktion der Wittener Bürgergemeinschaft (WBG).

Seine Noten garniert er mit textlangen Ausführungen. Zu lokalpolitischen Energie- und Verkehrskonzepten gegen einen Klimawandel (Note 2) sieht er "unter Berücksichtigung der Haushaltssituation" wenig Chancen, "kurzfristig (...) den großen Wurf in der Klimapolitik zu schaffen", entdeckt aber in der im Rat beschlossenen "Klimaverpflichtung bei Neuprojekten" wie das Verbot von Vollversiegelung von Vorgärten oder "Holzbauweise" bei städtischen Neubauten einen guten Ansatz. Andererseits werde aber dringend ein "Masterplan Verkehr 2030" gebraucht, "um grundlegende Planungen auf den Weg zu bringen", schreibt Brömmelsiek, und weiter: "Das Wittener Verkehrskonzept steht unmittelbar vor dem vorausgesagten Kollaps." Ein "deutliches Umweltsignal" sähe er, "wenn Witten endlich der Umweltzone Ruhr beitreten würde". Einen solchen Antrag habe die WBG bereits dreimal gestellt.

Gute Ansätze im Masterplan 2020 "verpufft"

Bei den städtischen Finanzen (Note 5) nimmt Brömmelsiek "Bund und Land" in die Pflicht, "den überschuldeten Kommunen durch einen Schuldenschnitt (zu) helfen." Danach ließen sich auch die Hebesätze bei der Grund- und Gewerbesteuer wieder senken. Der Wirtschaftsstandort Witten (Note 5) kranke an langwierigen Planverfahren bei der "Erschließung durchaus vorhandener Frei- und Altlastenflächen", zur Attraktivität der Innenstadt bemängelt der WBG-Sprecher, "die guten Ansätze im Masterplan 2020 sind verpufft", es sei versäumt worden, "eine innerstädtische Verweilkultur zu schaffen." So sei auch die "geplante Art der Kornmarktbebauung" bei dem "jetzt schon in der Innenstadt vorhandene(n) Ladenleerstand" ein Fehler. Zudem schwäche eine zusätzliche Gastronomie, "wenn überhaupt vom Bürger angenommen, die, die bisher durchgehalten hat."

Hoffen auf andere Mehrheitsverhältnisse nach den Kommunalwahlen

Zur Gestaltungskraft der Lokalpolitik (Note 6) fehle es in den Fachausschüssen "häufig an der nötigen Kompetenz", so Brömmelsiek. Im Städtevergleich (Note 3) müsse Witten "seine durchaus vorhandenen Potentiale" insbesondere "rund um die UWH" (Universität Witten/Herdecke) effektiver nutzen. Eine "Chance neuer Ideen" verspricht er sich abschließend von "vermutlich" anderen Mehrheitsverhältnissen nach den Kommunalwahlen im Herbst und fordert Maßnahmen wie eine "Task Force zur Verbesserung der Ladenleerstandsituation", drastisch höhere Strafen für Umweltsünder oder etwa eine "zügige Entwicklung der Thyssendeponie".

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